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Zum Wachsen verdammt
Von Maik Rodewald und Murat Ünal

Veröffentlicht am:  27. Dezember 2007

Die Staaten am Arabischen Golf teilen ein Schicksal: Sie müssen in Windeseile anders aussehen und dürfen dabei nicht schwach werden. Ließen sie nach, wäre das ein fatales Signal für Investoren. Diese Dynamik bietet viele Chancen – und einige Risiken. Zeit für einen kritischen Blick in die Wüste.

Über der Wüste wird es langsam dunkel, und es klingelt schon wieder. Zum dritten Mal drückt Dr. Nasser Saidi das Telefonat weg. Dieses Interview ist ihm jetzt wichtiger. Wichtiger als seine Frau, die wissen will, wann er zum Iftar, dem täglichen Fastenbrechen während des Ramadans, zu Hause ist. Saidi, der seit Mitte 2006 Chefökonom des Dubai International Financial Centres (DIFC) ist, legt sich ins Zeug. Er beharrt darauf, dass dieses Mal alles anders ist als in den 70ern und 80ern, als die Dollar-Reserven der Länder am Arabischen Golf im Gleichklang mit explodierenden Ölpreisen ebenfalls kräftig anschwollen – genau wie heute, bei einem Preis von rund 90 Dollar für ein Barrel Öl.


Verlorene Dekaden …


Damals schielten die Scheichs nach Westen: Sie gaben viel Geld für Konsum und Subventionen aus, blähten ihre Bürokratien auf und zimmerten sich Wohlfahrtsstaaten moderner westlicher Prägung. Von nachhaltigem Wachstum, Investitionen in Infrastruktur, mehr Standbeinen und neuen Industrie- und Dienstleistungssektoren in den eigenen Ländern war damals kaum die Rede. Die Volkswirtschaften am Golf konnten das Kapital nicht absorbieren – und sollten es auch nicht. Wie zum Beispiel in Qatar, der Halbinsel im Arabischen Golf, die etwa halb so groß ist wie Hessen und so viel Einwohner hat wie Frankfurt: „Zwischen 1980 und 1990 wurde hier kein einziges Projekt angeschoben – es war eine verlorene Dekade“, sagt Sunil Talwar, Finanzchef des größten Versicherers in Qatar, der Qatar Insurance Company (QIC). Es folgte die große Stagnation. In den 80ern und 90ern wuchsen die Ökonomien und die Pro-Kopf-Einkommen nicht. Deshalb entwickelte sich mit Ausnahme Bahrains auch kein Finanzzentrum in den Staaten des heutigen Golf-Kooperationsrats – also in Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Qatar, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE; vergleiche Abbildung rechts).


… sollen der Schnee von gestern sein


Das soll aber Schnee von gestern sein: „Wer heute immer noch an der Dynamik in der Golf-Region zweifelt, versteht nicht, dass sich die Fundamentaldaten strukturell verändert haben“, sagt Saidi. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie ernst es die Scheichs diesmal meinen: Der Volkswirt, ehemaliger Wirtschafts- und Industrieminister des Libanons und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Chicago, soll das DIFC – eine von 27 Freihandelszonen in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit eigenen Gesetzen und eigener Rechtsprechung – zum führenden Finanzzentrum der arabischen Welt machen, mindestens aber in den Staaten des Golf-Kooperationsrats. Er soll neue und liquide Finanzmärkte aufbauen, für Aktien und Renten, aber auch für die rasant wachsenden islamischen Finanzprodukte wie Sukuks, zinslosen Anleihen, die mit den Gesetzen des Islams (der „Scharia“) konform gehen.


Finanzmärkte sollen mehr Verantwortung tragen


Die Finanzmärkte sollen später das Wachstum finanzieren. Damit sich diese Märkte entwickeln, braucht es die Infrastruktur und die Spieler. An allem arbeiten die Araber generalstabsmäßig: Dubai hat sich an der Nasdaq und an der nordischen Börse OMX beteiligt und hofft dadurch auf zusätzliches Know-how. Qatar will sein 2005 gegründetes Qatar Financial Centre (QFC) ebenfalls als Finanzzentrum etablieren und hat – über die Kontakte von Chris Gibson-Smith, einem der Aufsichtsräte des QFC und gleichzeitig Verwaltungsratsvorsitzender der London Stock Exchange (LSE) – die Fühler nach der Londoner Börse ausgestreckt und einen Anteil von 20 Prozent erworben.

Die Golf-Staaten haben – anders als in den 70ern und 80ern – verstanden, wie wichtig die Finanzmärkte sein werden, um den eigenen Reichtum kontrollieren und verwalten zu können und den Umbau der Volkswirtschaften voranzutreiben, damit das große Ziel des nachhaltigen Wachstums erreicht werden kann. Der Börsengang von DP World, dem bisher größten in der Region, ist ein Zeichen dafür.


Andere Ausgangslage, anderes Tempo


Alle Golf-Staaten sind zum Umbau ihrer Volkswirtschaften verdammt, aber sie starten aus sehr verschiedenen Positionen. Sehr rohstoffreichen Ländern wie Saudi-Arabien oder Qatar stehen rohstoffärmere wie Bahrain oder das Emirat Dubai gegenüber. Auf dem Weg zur diversifizierten Volkswirtschaft bereits recht weit gekommen sind Bahrain und Dubai, das zweitgrößte Emirat der VAE. Nur rund 3 Prozent von Dubais Bruttoinlandsprodukt (BIP) hängen vom Öl- und Gasgeschäft ab, im Falle der VAE sind es bereits unter 30 Prozent. Immer noch sehr konzentriert ist die Wirtschaft Qatars: Auf das Öl- und Gasgeschäft entfallen 60 Prozent des BIP und 85 Prozent der Exporterlöse. Qatars Wirtschaft wuchs 2006 gemessen am BIP um knapp 9 Prozent und wird nächstes Jahr voraussichtlich noch stärker zulegen, weil Qatar so viel Flüssiggas („liquid natural gas“ oder kurz: LNG) fördern wird wie noch nie (siehe Abbildung oben). Qatar ist zudem die einzige Wirtschaft, deren Gas- und Ölsektor stärker wächst als andere Sektoren.

Und dennoch: Auch in Qatar schießen Dutzende Hochhäuser aus dem Wüstenboden, läuft der Umbau auf Hochtouren. 150 Milliarden Dollar wird Qatar bis 2011 ausgeben, um die Wirtschaft auf mehr Standbeine zu stellen. „Wir wollen nachhaltig wachsen und uns über die Jahre in eine Wissensgesellschaft wandeln“, sagt Scheich Hamad bin Jabor bin Jassim Al-Thani, Mitglied der Herrscherfamilie und Chef von Qatars Planungsbehörde, im Gespräch mit dpn.


Mit eineinhalb Billionen lässt es sich gut ankurbeln


Besonders wichtig werden die Finanzmärkte ab dem Jahr 2012. Dann soll nach den Planungen der Scheichs der private Sektor die wirtschaftliche Lokomotiv-Funktion übernehmen und die staatlichen Investitionsprogramme sollen langsam auslaufen. Dazu muss das Grundgerüst stehen, vor allem die Infrastruktur, also die Straßen und Flug- und Schiffshäfen, aber auch das Gesundheits- und Bildungswesen, also Krankenhäuser, Schulen und Universitäten. Alle laufenden und geplanten Projekte in den GCC-Staaten summieren sich auf 1.500 Milliarden US-Dollar – fünfmal so viel, wie Deutschland im kommenden Jahr ausgeben darf.

„Bereits jetzt erlebt die Region ein Wachstum, das viel mehr von Investitionen in der Region als vom Öl gespeist wird. Dieser Trend wird noch zunehmen, und die Rendite für Investitionen im Privatsektor wird steigen“, hofft Saidi. Daran glauben offensichtlich auch die Ausländer, die 2006 laut DIFC immerhin 16 Milliarden Dollar alleine in den VAE investiert haben – also in den sieben Emiraten Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ras al-Khaimah, Fujairah, Umm al-Qaiwain und Ajman. Zum Vergleich: Die ausländischen Direktinvestitionen addierten sich für China auf 70 Milliarden. Pro Einwohner gerechnet haben die Emirate damit die Nase um Längen vorne: China hat 1,35 Milliarden Einwohner, die Emirate zählen 5,5 Millionen. Solche Vergleiche sind Wasser auf Saidis Mühlen, belegen sie doch, wie attraktiv es jetzt schon ist, in den Golf-Staaten zu investieren.


Europas Finanzinvestoren schauen nur zu


Deutsche Industrie- und Pharmaunternehmen machen schon lange Geschäfte in der Region, die großen sowieso. Aber selbst die in Sachen Innovation und Vertrieb hinter ihren Industriekollegen immer etwas herhinkende Banken- und Asset-Management-Szene kommt langsam auf den Geschmack. So hat sich beispielsweise im September die Commerzbank in Dubai lizenzieren lassen. Die Deutsche Bank ist sowohl in Dubai als auch in Qatar lizenziert, und die BHF-Bank hat schon länger eine Dependance in Abu Dhabi.

Fast völlig abstinent zeigen sich aber Europas große Finanzportfolio-Investoren. Das gilt für die Crème de la Crème der europäischen Pensionsfonds und Versicherer genauso wie für deutsche Pensionskassen und berufsständische Versorgungswerke sowie die Contractual Trust Arrangements.

„Die Region wird von europäischen Investoren sträflich vernachlässigt“, wundert sich David Heimhofer, ein Schweizer, der seit 13 Jahren in Bahrain arbeitet. Als rühmliche Ausnahme sieht er vor allem die Briten, die natürlicherweise enge Bindungen zu ihren ehemaligen Protektoraten oder Kolonien Qatar, Kuwait und Oman unterhalten. Vereinzelt zählt Heimhofer, Präsident des Investment-Komitees des Bahrainer Anlageberaters Terranex, aber auch Schweizer als aktive Investoren. Schweizer Pensionskassen brachten ihn auch auf die Idee, ein Zertifikat anzubieten, das in Infrastruktur-Projekte, künstliche Inseln und Börsenkandidaten investiert. Die angepeilte Rendite in Höhe von mindestens 20 Prozent pro Jahr hält er nicht für übertrieben. „Das Wachstum in der Region wird sich aus drei Gründen nicht als Strohfeuer entpuppen: Weil die Herrscher und deren Familien dazugelernt haben, weil sie ungeheuer finanzkräftig sind und weil sie die Macht haben, Entscheidungen schnell zu treffen und ohne größere Widerstände durchzuziehen“, schwärmt Heimhofer.


Die Kapitalisten aus Europa vertrauen …


Solche Argumente lassen bisher auch die versiertesten europäischen Investoren kalt. „Dort mögen interessante Dinge passieren, dennoch investieren wir noch nicht“, sagt zum Beispiel Roland van den Brink. Er steuert bei der Treuhänderin Mn Services immerhin 60 Milliarden Euro für holländische Pensionseinrichtungen, den Löwenanteil davon für PME und Metaal en Techniek – nur die holländischen Riesenfonds ABP und PGGM sind mit 220 und 90 Milliarden Euro größer.

„Ich bin noch nicht völlig davon überzeugt, dass die politischen Regime am Arabischen Golf ausländischen Investoren wie uns erlauben, die erzielten Renditen auch zu behalten. Für uns gilt es, Überraschungen wie in Venezuela, wo plötzlich Unternehmen verstaatlicht werden, zu vermeiden. Solche politischen Risiken sind für uns Pensionsfonds-Verwalter die größten überhaupt – und deshalb gilt ihnen unser ganzes Augenmerk.“ Vielleicht sei das ein Fehler, so van den Brink weiter, aber er habe mit diesem simplen Ansatz auch schon viele Fehler vermieden.


… eher den Kommunisten aus China


Die Abstinenz von der Golf-Region erstaunt umso mehr, als etliche institutionelle Investoren bereits in hochverschuldete und politisch wie ökonomisch viel krisenanfälligere Emerging Markets investieren – wie zum Beispiel in Südamerika. Diese Region ist bekannt, die Banken, Asset Manager und teilweise auch Rating-Agenturen haben ihre Analysten und Fondsmanager schon häufig vor Ort – man fühlt sich also irgendwie sicherer.

Selbst das dualistisch geführte China scheint Investoren wie van den Brink mehr Stabilität zu geben; seit 2004 ist Mn Services der größte ausländische Pensionsfonds-Investor in China und hat sich für einen ihrer beiden großen Pensionsfonds schon gemeinsam mit der Regierung an einer Methangas-Finanzierung beteiligt.


„Nicht mehr Risiken als in anderen Emerging Markets“


„Ich sehe nicht mehr Risiken als in anderen Emerging Markets“, sagt wiederum Omar Abu-Rashed, ein Jordanier, der für eine echte Rarität verantwortlich ist: Bei Frankfurt-Trust verantwortet er seit September den ersten Publikumsfonds, der in Deutschland zugelassen ist und hauptsächlich in die Aktienmärkte der Golf-Staaten investiert. „Der Ölpreis müsste schon stark fallen, um die staatlichen Investitionsprogramme in Infrastruktur, Flughäfen, Krankenhäuser und Schulen sowie Universitäten ins Wanken zu bringen.“ Beispiel Qatar: Bis 2011 will der Wüstenstaat mit der Einwohnerzahl Frankfurts 150 Milliarden Euro investieren. Qatar plant sein Budget auf Basis eines durchschnittlichen Ölpreises von 50 US-Dollar pro Barrel. Bei diesem – gemessen an den aktuellen Prognosen konservativen – Ölpreis bleiben pro Jahr sogar 45 Milliarden Dollar übrig. Dieses Geld fließt an den Staatsfonds Qatar Investment Authority, der das Geld weltweit anlegt.

Abu-Rashed kehrt außerdem einen interessanten Aspekt hervor: Angesichts der vielerorts heiß gelaufenen Emerging Markets würden sich Osteuropa- und Asien-Fondsmanager gerade nach unterbewerteten Alternativen umschauen, in die sie ihre Gewinne investieren könnten. Viele davon hätten eben die Märkte des Golf-Kooperationsrats als geeignete Alternative identifiziert.


Zum Wachsen verdammt/ 2

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