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Qualitätsstandards dürfen keine Zukunftsmusik bleiben
Von Clemens Schuerhoff

Veröffentlicht am:  14. November 2006

Auch acht Jahre haben nicht ausgereicht, um Wertkonten massentauglich zu machen. Die Dax-Unternehmen sind adressiert, dort laufen die Modelle – wenn auch immer noch mit viel zu hohem manuellen Aufwand. Um im Mittelstand zu punkten, muss aber noch einiges anders werden. Die Anbieter sind gefordert.

Das europäische Ausland beneidet Deutschland um die Möglichkeiten, die sich aus dem „Flexigesetz“ in Form der so genannten Wertkonten ergeben. Umso erstaunlicher ist es, dass acht Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes immer noch keine allgemeingültigen Qualitätskriterien für die Wertkonten existieren. Dabei sind sie effiziente Alternativen zu den bisher bevorzugten versicherungsförmigen Vorsorgewegen und entsprechen dem allgemeinen Trend einer kapitalgedeckten Vorsorge.

An den vielen Vorteilen von Zeitwertkonten zweifelt niemand mehr. Dies gilt vor allem für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, aber auch für die Investment-Industrie und die Anbieter von Administrationslösungen für Zeitwertkonten. Die Vorteile für die Unternehmen sind die Wertschätzung durch ihre Mitarbeiter, die Flexibilität beim Aufbau vielfältig einsetzbarer Guthaben und die Überschaubarkeit der Kosten. Ohne Unterstützung wären viele Unternehmen aber erfahrungsgemäß nicht in der Lage, alle Anforderungen an den komplexen Workflow der Wertkontenadministration zu formulieren.

Arbeitgeber

  • Business Process Outsourcing – kein zusätzlicher Aufwand  bei IT und Administration
  • Trennung Verwaltung und Asset Management: volle Konzentration auf die Überwachung des Asset
     Managements
  • Handlungsfreiheit bei Austausch/Aufnahme neuer Asset Manager/Partner
  • Komplettlösung aus einer Hand
  • Möglichkeit zur Schließung/Auslagerung von Altverpflichtungen
  • Gesetzlich geforderte Historisierung und Archivierung über Jahrzehnte wird haftungswirksam ausgelagert
  • Verwaltung geschlossener oder zu schließender Versorgungswerke nach der Einführung von Zeitwert-
     Modellen


Arbeitnehmer

  • Individualkontenverwaltung
  • Insolvenzsicherheit
  • Transferierbarkeit bei Arbeitgeberwechsel
  • Flexible Anlagekonzeption
  • Beliebige Einzahlungsfrequenz
  • Option Vorruhestand mit 55, Sabbaticals
  • Transparentes und taggenaues Reporting über das  Internet verfügbar
  • Clientservice / Callcenter
  • Kostengünstig
  • All-in-Price
                       

 

 

Ebenfalls im Arbeitgeberinteresse, da Bestandteil des Anreiz-
systems und wichtig für Akzeptanz / Beteiligungsquote


Das Potpourri der Kriterien

Der wichtigste Aspekt für einen Arbeitgeber sollte die langfristige Sicherheit und Stabilität der Administration und IT-Umgebung des Anbieters sein. Diese muss den Veränderungen des Unternehmen und seiner Mitarbeiter gerecht werden – und zwar über Jahrzehnte. Unternehmensverkäufe, Fusionen und Insolvenzen sowie Veränderungen seiner Mitarbeiter – beispielsweise im Falle des Arbeitgeberwechsels, der Berufsunfähigkeit oder veränderter Ziele im Lebensablauf) müssen selbstverständlich darstellbar sein.

Doch welche allgemeinen Differenzierungskriterien der Anbieter von Wertkontenlösungen ergeben sich aus diesen Anforderungen – und worauf müssen Unternehmen bei der Auswahl entsprechend achten?

Über allem steht sicherlich die Neutralität des Anbieters und somit seine Unabhängigkeit von Finanzproduktanbietern, Banken und Beratern. Diese Interessenfreiheit ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus Kostenüberlegungen – schließlich geht es darum, gute Kosten-Nutzen-Relationen zu erzielen. Dies kann durch so genannte BPO-Lösungen erreicht werden, also der vollständigen Übernahme von IT und kaufmännischer Sachbearbeitung durch den Administrator der Wertkonten. Zum anderen müssen die Lösungen eines Anbieters skalierbar sei, da es nicht zu Quersubventionsstrukturen kommen darf. Zudem sollte das Preismodell eines Anbieters nicht signifikant zwischen Großunternehmen und klein- und mittelständischen Unternehmen unterscheiden.

Flexibilität ist noch nicht selbstverständlich

Ein wichtiger Aspekt ist die Flexibilität im Sinne der Möglichkeit, alle bestehenden bAV-Durchführungswege mit der Wertkontenadministration zu integrieren und beliebig zu kombinieren. Gleiches gilt für die Abbildung diverser, auch untereinander mischbarer Anlagekonzepte. Die Systemlösung muss somit auch Hybridlösungen darstellen können. Das bedeutet ebenfalls Schnittstellenflexibilität.

Alle Beteiligten müssen schnell und mit geringstem Aufwand für ihre eigene IT-Architektur und ohne langwierige Migrationsprojekte angebunden werden. Es müssen flexible Anschlussverfahren für gängige Personalabrechnungssysteme und Systeme der Banken und Asset Manager existieren. Das ist die Voraussetzung zur Kontrolle und Automatisierung des Order- und Abstimmungsprozesses. Dies gilt auch für die Zahlungsfrequenz, so dass alle Transaktionen in banküblicher Frequenz und variablen Beträgen möglich sein müssen.

Ein Hygeniefaktor ist der schon angedeutete Aspekt der physischen Sicherheit und Stabilität des Betreibers. Hier sollten Bankstandards üblich sein: der überwachte und aktualisierte Betrieb in einem Rechenzentrum mit hohen Sicherheits- und Produktionsanforderungen, eine laufende externe Revision, Katastrophen-Backups, Daten- und Virenschutz, Firewalls, und die Verschlüsselung nach aktuellen Industriestandards. In diesem Zusammenhang sei die zentrale Verwaltung und Historisierung aller Stamm-, Vertrags-, Transaktions- und Bewegungsdaten im Sinne eines zentralen Datawarehouses in dieser Architektur als vernetztes effizienzsteigerndes Thema genannt. Nur vor diesem Hintergrund kann der Anbieter eine Massengeschäftsfähigkeit erreichen, die ein Potenzial von mindestens 500.000 Transaktionen pro Tag gewährleisten sollte. Die Stabilität, physische Sicherheit und zentrale Datenverwaltung sind ebenfalls wichtige Aspekte für die effiziente Störfallberechnung und die Bereitstellung steuerlicher Informationen für die Finanzämter und die Sozialversicherungsträger. An dieser Stelle wird auch deutlich, wie langfristig und sicher Daten und Informationen vorgehalten werden müssen. Entsprechend nachhaltig und strategisch muss die Wertkontenadministration in das Geschäftsmodell eines Anbieters integriert sein.

Selbstverständlich internetbasiert

Sicherheit, das ist auch bei Treuhandverfahren und Insolvenzsicherung ein wichtiges Kriterium für Unternehmen. Rechtlich abgesicherte Verpfändungs- und Treuhandverfahren müssen voll in die Prozesse beim Lösungsanbieter integriert sein und die Ausgliederung von bestehenden Pensionsverpflichtungen in Contractual Trust Arrangements oder Pensionsfonds muss fonds- und versicherungsförmig umgesetzt werden können.

Ein mittlerweile selbstverständlicher Aspekt auf dem Markt sind internetbasierte Anwendungen und automatisierte, elektronische und taggenaue Reportings für alle Adressaten (Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Treuhänder und Produktgeber). Dies gilt auch für ein so genanntes White Label Reporting, welches im Corporate Design des Unternehmens oder des Asset Managers oder der Kapitalanlagegesellschaft (KAG) geliefert wird.

Besonders hohe Anforderungen und Unterschiede der Lösungsanbieter für Wertkonten bestehen noch bei Schnittstellen zum Asset Manager. Die Komplexität besteht dabei weniger in der Unterlegung und Konstruktion von Investment-Konzepten oder risikoadjustierten Life-Cycle-Modellen, sondern in der Parametrisierung und Systematisierung von Kohorten, in der prozessualen Abwicklung der Wertpapieraufträge und der Darstellung eines dynamischen Investment-Konzeptes. Die Anforderungen sind vergleichbar mit Back-Office-Funktionen bei KAGen und Asset Managern. Eine effiziente Ordergenerierung, Netting-Funktionalitäten und Umsetzung von potenziellen ALM-Anforderungen bieten bislang nur wenige Anbieter. Dies gilt ebenso für die Parametrisierung der mehrdimensionalen Anlagematrix, welche sich aus den Arbeitnehmergruppen, Anlegerpräferenzen, Risikoprofilen und Altersklassen ergibt und die zu jedem Zeitpunkt die Kapitalanlage steuert. Es muss bei zusammengesetzten Strategien möglich sein, einzelne Fonds aufzunehmen oder zu entfernen, außerdem die Verschiebung von Gewichtungen zwischen beispielsweise Aktien und Renten im Rahmen einer dynamischen Allokation abzubilden und vor allem effiziente Handelsaktivitäten anzustoßen. Dies kann nur bei einer elektronischen Datenübermittlung (Orders, Confirmations, Reconciliation, Bestands- und Stammdaten) gewährleistet werden.

Noch kein Anbieter wird allem gerecht

Das Fazit: Bei den aufgezählten Kriterien unterscheiden sich die Anbieter bereits deutlich. Es gibt freilich noch keinen, der diesen Kriterien nachhaltig gerecht wird und der die Wertschöpfungskette innerhalb der Wertkontenverwaltung komplett professionell abdeckt. Die meisten Anbieter arbeiten noch recht pragmatisch und teilweise händisch, insbesondere im Back Office.

Der bisherige Fokus der Anbieter liegt auf der Anbindung von Unternehmen, also auf der Strukturierung und den Eingabemöglichkeiten von Personaldaten. Es ist indes klar, dass das Geschäft deutlich komplexer ist als das Java-Programmieren von Eingabe- und Reportingmasken auf einer Website. Bisher haben sich noch keine Standards herausgebildet. Das liegt auch an der teilweise mangelhaften Qualität von Ausschreibungen der Consultants, die sich des Themas angenommen haben. Die Anbieter von Wertkontenverwaltungen haben es zudem bisher nicht vollständig geschafft, ihr Geschäftsmodell mittelstandstauglich zu machen. Die großen Dax-Unternehmen sind adressiert und deren Modelle mit teilweise hohem manuellen Aufwand in Betrieb. Massengeschäftsfähigkeit, Automatisierung, Integration von „Massen-ALM-Modellen“ sowie physische Sicherheit und Effizienz des Back Offices sind die großen Herausforderungen, mit denen qualifizierte Lösungen für den Mittelstand erst noch geschaffen werden müssen.

 

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